Donauradtour per Tandem -
1112 km von Bratislava nach Severin

Autor: T. Rauh

Inspiriert vom Film "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" hatten wir die Idee mit dem Tandem einen uns bis dato unbekannten Teil Europas zu erkunden. Richtung Osten sollte es gehen und da bot sich auf der EUROVELO Karte die Route 6 an. Doch zuerst wollten wir mal unsere Tandemtauglichkeit testen.

Tandem am InnradwegAn einem schönen Juli Wochenende verabredeten wir mit Crazy Bikez einen Termin. Direkt am Bahnsteig wurden wir in Empfang genommen und das weiße Mountaintandem funkelte in der Morgensonne. Die Formalitäten waren schnell geklärt und schon ging es los - unser erstes Mal auf einem Tandem. Das Auf- und Absteigen muss gut koordiniert sein, aber sobald das Tandem rollt, spürt man den Vorteil. Mit 30 km/h geht es mit MTB Bereifung am Inn entlang - ohne Hecheln und größere Anstrengungen.

Es wurde ein wunderbarer Tag an dessen Ende feststand: Den diesjährigen Urlaub werden wir auf einem Tandem verbringen.

So starteten wir Anfang September 2010 unsere zweiwöchige Reise. Das Tandem wurde von Crazy Bikez aufs beste präpariert und ich hatte nach einem dreitägigem ÖBB Studium herausgefunden, wie man mit einem Tandem von Innsbruck nach Bratislava kommt. Das klingt leichter als es ist und ich kann nur empfehlen sich früh genug mit dem Thema Transport auseinander zusetzen. Ein anderes Thema ist das Gepäck. Ein Tandem hat halt nur einen Gepäckträger und ein Vorderrad für eventuelle Lowrider (alternativ gibt es die Möglichkeit einen Hänger zu verwenden). Wir haben uns lieber beschränkt und auf die Campingausrüstung verzichtet.

Tandem in öBBSo starteten wir nachts von Innsbruck und ich stellte fest, dass die beste Recherche nichts nützt, wenn meine Freunde von der öBB nicht in der Lage sind für jeden Platz nur eine Reservierung zu vergeben. So schliefen wir auf dem Boden wie jede Menge andere Fahr”gäste”.

Aufgrund der Umbauarbeiten am Wienerwestbahnhof kam das Tandem zu seiner ersten Stadtrundfahrt mit der Wiener Bim, um anschließend mit der Regionalbahn nach Bratislava zu fahren - inklusive unserer ersten von unzähligen Donauüberquerungen.

Der erste Tag führte uns von Bratislava nach Györ. Auf dieser Strecke bekamen wir von gut asphaltierten Radwegen bis hin zu tiefem Schotter auf den Dämmen der Donau gleich alles geboten. Trotz penibler Einstellung der Sattelhöhe, -neigung und -position tat der Hintern bald schon weh. Nach dieser 102 km Tour war es am Abend schwierig sich für das örtliche Weinfest zu motivieren, aber es hat sich gelohnt.

Der zweite Tag führte uns nach Esztergom - aber erst nach dem wir ausgeschlafen hatten. Der fehlende Schlaf von der Zugfahrt und die ungewohnte Anstrengung machten es nötig. Mit Rückenwind waren wir aber bald schon wieder im SOLL. Zu Mittag stellte sich zum ersten Mal die Frage Sekt oder Selters? Diese wurde wie immer salomonisch gelöst - ein Weizen und ein Isogetränk. Ein wunderbarer Tag, eine schöne Stecke und ein regionales Fußballspektakel. Estragon bereitete uns einen fulminanten Empfang. Dass am Abend noch ein Konzert im Dom stattfand, machte die Sache komplett.

Dom Esztergom Am dritten Tag machten wir uns auf nach Budapest. Wieder wurde die Donau mehrfach überquert und es zeigte sich, dass die Fähre ein beliebtes Transportmittel dafür ist.

Tandem bei Fähre

Noch blieb das Wetter trocken, doch es war klar - hier braut sich was zusammen. Es ist nicht schwer in die Stadt zu finden, sich dort zu Recht zu finden war schon eine größere Herausforderung. Wir übernachteten in einem Hostel und besuchten am Abend eine der geilsten Kneipenlocation die ich je gesehen habe.

Um noch einiges mehr von Budapest zusehen, verschoben wir unsere Abfahrt am vierten Tag auf Nachmittag bzw. den Berufsverkehr (bequemer und trockener wäre es mit der S-Bahn gewesen). Das Sightseeing hat sich gelohnt, trotz oder gerade wegen des Wetters hat Steffi ein paar eindrucksvolle Fotos geschossen.

Donauradweg - Budapest Parlament Am Abend dieser unschönen Flucht aus Budapest landeten wir durchnässt und verfroren im einzigen Hotel von Rackeve - einem vier Sterne Wellness Hotel. Asche auf unser Haupt aber die Sauna war geil. (Gehen eigentlich alle Ungarn mit Badehose in die Sauna?) Außerdem nutzten wir hier die Gelegenheit unsere Klamotten zum ersten Mal zu waschen.

Tag fünf führte uns in Ungarns Paprika Hauptstadt Kalocsa. Der Wind der uns vorwärts trieb, blies auch die letzten Wolken davon.
Nach dem wir gut gespeist hatten und uns in der Fußgängerzone selbst ein Denkmal setzten, schliefen wir erschöpft doch glücklich im kleinsten Hotelzimmer der Welt ein.

Tag sechs führte uns durch Paprikafelder weiter in Richtung kroatische Grenze nach Mohacs. An die tägliche Anstrengung haben wir uns gewöhnt, das Wetter ist herrlich und die Stecke lädt ein um auch mal im Feld ne „Fufzehn” zumachen.

Tandem in Paprikafeld bei Mohacs Schafe, Pferde und Hunde scheinen in dieser Gegend die Mehrheit zustellen. Hier ist die Zeit wirklich ein wenig stehen geblieben. Eine herrliche, entschleunigte Gegend. Bevorzugte Fortbewegungsmittel in den ländlichen Regionen Ungarns: Trabant (der Kombi), Wartburg (der Neue) und der Skoda (XXX). Als SUV muss der Lada Niva herhalten. Eine letzte Übernachtung in Ungarn in einem sehr schönen Hotel. Ungarn ist mit dem Rad super zu bereisen. Die Radwege sind gut beschildert, die Übernachtungsmöglichkeiten zahlreich und in allen Varianten vorhanden. Die Menschen nett und freundlich, wenn auch nicht sonderlich aufgeschlossen.

Tandem Bratislava - GyörAm siebten Tag kommen wir nun für einen kurzen Abschnitt nach Kroatien. Hier wird es zum ersten Mal bergig und bei sommerlich warmen Temperaturen kommen wir ganz schön ins Schwitzen. Wir entscheiden uns für einen kleinen Umweg durch ein Naturschutzgebiet. Wir teilen uns den Dammweg mit Rehen, Wildschweinen und jeder Menge Wasservögeln. Eine wirklich paradiesische Gegend. Nicht allen Fröschen die unseren Weg kreuzen können wir ausweichen. Es mutet einen kollektiven Selbstmordversuch an wie die versuchen uns in den Weg zu springen. Vom Weg abzuweichen wird hier dringend abgeraten. Es gibt hier noch viele unbeseitigte Minen. In Osiek lernen wir das kroatische Dolce Vita kennen. Auf einen Einwohner kommen hier mehr als fünf Kaffeeplätze. Becks hat seinen Siegeszug übrigens auch hier angetreten. Allerdings kann all die Lebensfreude nicht über die deutlich sichtbaren Spuren des Bürgerkrieges hinwegtäuschen. Schließlich übernachten wir in einem tollen Hotel in Vukovar, welches auch bereit war unsere muffelnden Sachen zu horrenden Preisen zu waschen.

Tandem vorSerbienAm achten Tag machen wir uns auf in die erste serbische Großstadt: Novi Sad. Die Kroaten wollen uns gar nicht richtig gehen lassen. In Serbien kamen wir genau richtig: zum Dorffest. Maschinengewehre sind eigenartigerweise immer noch eines der Lieblingsspielzeuge serbischer Kinder. Der Weg nach Novi Sad ist weit und hügelig. So kommen wir erst bei Sonnenuntergang an, was unserer Ankunft einen besonderen Ausblick gibt. Freitagabend in Novi Sad ist der richtige Ort für einen Junggesellenabschied - Party allerorts mit Frauen die zeigen wollen was sie haben und Kerlen in Trainingshosen und Turnschuhen. Ich glaube allerdings nicht, dass Steffi diese Idee wirklich gut heißt :) Von der tollen Atmosphäre waren wir aber beide beeindruckt - auch hier weiß man wie man richtig feiert. Unsere Unterkunft fanden wir nach einigem Suchen im letzten staatlich geführten Hotel. Ein besonders Erlebnis mit morbidem Charme.

Sonnenuntergang mit Tandem bei Novi Sad

Tandem SchattenHalbzeit in Belgrad. Novi Sad verlassen wir über einen ein stündigen Aufstieg auf einer Ausfallstraße puhh und das nach einer Partynacht. Der Verkehr war noch erträglich gab uns aber schon einen ersten Vorgeschmack auf Belgrad. Auf dem Weg dahin stärkten wir uns mit der besten Fischsuppe der Welt. War Novi Sad schon die Partyhauptstadt Serbiens. Nein Belgrad kann das locker toppen. Samstagabend am Donauufer flanieren Familien, Verliebte und alles was laufen kann. „Uf d Sita!!” Hilft da auch nicht. Schon am Rande der Stadt - Jubel, Trubel, Heiterkeit. Im Zentrum fanden wir ein kleines, feines Hostel. Von da aus erkundeten wir das Belgrader Nachtleben. Durch die volle Fußgängerzone machten wir einen kleiner Abstecher auf die Festung der Stadt. Ich habe noch nie eine so belebte historische Stadt nachts um Elf gesehen - eine wundervolle Atmosphäre.
Unser Rückweg führte uns noch durch die eine oder andere Kneipe. Zu einem Besuch der berühmt berüchtigten Partyboote hat es aber nicht mehr gereicht.

Tag zehn verbrachten wir teilweise in Belgrad. Nachdem aber meine Bewerbung bei „Ja Imam Talent” scheiterte, entschlossen wir uns zur Weiterfahrt.

Belgrad - Jam Talent Wir hatten aus Budapest gelernt und verließen Belgrad per Zug. Der Belgrader Bahnhof hatte ungefähr die Ausmaße von dem in Feldkirch - nur nicht ganz so modern. Fahrräder werden nicht transportiert - Tandems schon, zumindest wenn man ein gewisses Maß an Überredungskunst, Hartnäckigkeit und Glück besitzt. Der Preis ist Verhandlungssache, wenn es doch bei der öBB auch so unkompliziert wäre. Unsere letzte Nacht in Serbien verbrachten wir in Pozarevac. Als Andenken haben wir eine Telefonrechnung von 88&euro für 16 Minuten mitgebracht. Man sollte halt nicht vergessen weder Kroatien noch Serbien sind in der EU.

Der elfte Tag sollte uns durch die weniger schöne Braunkohletagebaugegend (BKTBG) bei Pozarevac nach Rumänien führen. Von dem kleinen etwas verlassen wirkenden örtchen Ram setzten wir ein letztes Mal über die Donau über. Sie ist hier so breit, dass sie eher wie ein See als ein Fluss wirkt. Nun geht es wieder zurück in die EU und Rumänien empfängt uns mit einer kleinen, aber feinen Passstraße - 18 km und 500 Höhenmeter durch das Hinterland zurück an die Donau. Zu unserer Überraschung sind die Straßen im Gegensatz zu den Beschreibungen in erstklassigem Zustand. Was wahrscheinlich daran liegt, dass sie gerade erst fertiggestellt wurden und der Asphalt noch warm ist.

Tandem auf frisch asphaltierer Landstra&szligeBis auf die Horde herrenloser (?) Hunde die uns laut kläffend empfing fühlten wir uns in Rumänien vom ersten Moment an wohl. Außerdem knacken wir die 1.000km Marke. Juchu! Unsere Unterkunft in Moldova Veche lag erhoben am Ufer der Donau und bot einen tollen Blick auf den Sonnenuntergang hinter dem anderen Ufer der Donau. Zum Abendessen gab es ein Drei-Gänge-Menü, welches mit dem 6:1 Sieg der deutschen Elf über Aserbaidschan abgerundet wurde. OK Steffi ist beim Stande von 2:0 und ich bei 4:1 eingeschlafen. Scheiße war das wieder ein anstrengender Tag.

Auch der zwölfte Tag war wieder heiß und führte immer dicht entlang an der Donau, mit Blick auf das gebirgige Ufer der serbischen Seite.

Crazy Bikez Tandem auf Landstra&szligeDas Ufer auf der rumänischen Seite ist von Angelruten gesäumt. Jeder scheint hier auf den großen Fang zu warten :). Plötzlich vor uns ein „Lasten”-fahrrad. So vollgepackt das man kaum erkennen kann, dass der Fahrer nicht darauf sitzt sonder schiebt. „Alles in Ordnung? Brauchst Du Hilfe?” Obligatorische Ansprache auf Deutsch, denn es sind fast ausschließlich Deutsche und österreicher die diese To(u)rtur machen. „Nö isch schiebe nur wenn es bergauf geht” kommt die Antwort in vertrautem Dialekt.

Donauradweg - Crazy Bikez Tandem Unterwegs von Donaueschingen ans Schwarze Meer und das seit Juni - beneidenswert. Wir müssen weiter die Zeit drängt. Die Strecke ist sehr schön und sehr anstrengend - es ist heißt, hat Gegenwind und ist hügelig. Wir passieren die engste Stelle der Donau. Hier könnte man meinen ans andere Uferschwimmen zu können. Allerdings ist die Donau hier auch 83 (!!) m tief - keine gute Idee also.

Engste Stelle der DonauWir entscheiden uns einfach diese einmalige Landschaft zu genießen. Unsere letzte übernachtungsstation ist Orsova. Ein kleines örtchen welches wir am Abend aus Gründen der Erschöpfung nicht mehr besichtigen.

Unser letzter Tag auf dem Tandem. Wir fahren Richtung Staudamm „Porta de fier” und nach Turnu-Severin wo wir nach exakt 1112km in den Zug in Richtung Heimat steigen.

Staudamm Eisernes Tor Wir haben uns einen kleinen zeitlichen Puffer eingebaut, denn die rumänische Eisenbahn transportiert keine Fahrräder - das wollen wir doch mal sehen.

Tandem im ZugTo cut a long story short - wir sind wieder da. Es war vielleicht nicht alles rechtlich einwandfrei, konnte aber auf dem kurzen Dienstweg zur Zufriedenheit aller Beteiligten geklärt werden. Eine letzte Nacht in Rumänien verbrachten wir in Arad, um von da aus weiter nach Budapest zu reisen. Dort haben wir unsere letzten Forint versoffen und noch mal richtig gefeiert - Budapest kann was.

Mit der anschließenden Zugfahrt nach Wien und Feldkrich, waren wir drei Tage mit dem Zug unterwegs. In Innsbruck wurden wir bereits am Bahnsteig erwartete wo wir das Tandem in guter alter James Bond Manier aus dem Zug heraus übergeben konnten - perfekter Service. Endlich wieder daheim und das rechtzeitig zum GAMP Rennen. Leider mit 1:11 h keine neue Bestzeit, nächstes Jahr wird wieder angegriffen nach dem Motto: „Sieg oder Friedhof”.