Tandemtour via Claudia Augusta von Innsbruck nach Venedig

Autor: Klaus D.

Am 19.01. habe ich Geburtstag und auf dem Frühstückstisch lag eine von meiner Frau Monika gestaltete Broschüre mit ihrem Geschenk für mich: Eine Reise nach Venedig. Doch nicht mit dem Auto oder per Bus sollte es in die Stadt der Liebe gehen, sondern von Innsbruck weg…und das mit dem Rad! Doch nicht mit irgendeinem Rad, sondern mit einem Tandem. Dieses Geschenk ausgerechnet von Monika, die zum Thema Tandem bisher immer sagte: „Nicht mit mir, da bin ich ja ausgeliefert!” In diesem Sommer sollte es jedoch anders werden und das gleich mit einer gut 600 km langen Tour. Die Tour soll von Innsbruck über den Innradweg und dann über den Etschradweg bis nach Venedig gehen. Für mich sah ich da kein Problem, aber wenn Monika in den letzten 20 Jahren 20 Kilometer auf ihrem Rad zurückgelegt hat, dann ist das schon viel. Aber was sollapos;s, auf 10 Tage aufgeteilt wird das schon hinhauen, dachte ich mir.

14 Tage vor dem Start der Tour ist sich dann auch noch die immer wieder aufgeschobene Probefahrt auf der Donauinsel in Wien ausgegangen. Trotz „Uralt-Rennradtandem” mit Schaltung am Unterrohr hat alles gut geklappt und zur Festlegung einiger kommunikativer Grundregeln im gemeinsamen Umgang mit dem Tandem geführt. Quartiere am Start und am Ziel waren gebucht, dazwischen wollten wir nach Lust und Laune Halt machen. Als Zwischenziele waren auf jeden Fall Verona, Vicenza und Padua vorgesehen, aber ohne große Vorbereitung. Wir wollten uns von den Städten einfach überraschen lassen. Zuerst gingapos;s per Bahn von Niederösterreich nach Innsbruck, das wir uns ein Wochenende lang angesehen haben.
Innsbruck, Altstadt, goldenes Dachl
Das Mountaintandem wurde uns ins Hotel zugestellt, wo es auch eine gründliche Einführung für das gute Stück gab. Ich war von diesem Tandem schwer begeistert, das war schon etwas ganz anderes, im Vergleich zum altertümlichen Tandem auf der Donauinsel. Der letzte Abend in Innsbruck war leider verregnet, sodass das Public Viewing des WM-Finales buchstäblich ins Wasser fiel und ins Hotelzimmer verlegt werden musste.

1. Tag - Am Innradweg nach Landeck:
Nach kleinen Gepäckproblemen (Monika musste einsehen, dass ein Tandem doch nicht sooo viel Stauraum bietet) starteten wir zur ersten und gleich längsten Etappe (ca. 80 km) auf dem Inn-Radweg. Ein bisschen zäh rollten wir meist zwischen Inn und Autobahn flussaufwärts und bei den ersten größeren Steigungen kurz vor Landeck wurde klar, den Reschenpass sollten wir doch eher per Postbus erklimmen.

2. Tag - über den Reschenpass nach Graun und Laas:
Am Fahrkartenschalter des Bahnhofs Landeck versicherte mir ein freundliches Mädchen, dass der Tandemtransport per Bus problemlos sei. Als der Bus inkl. Fahrradtransportanhänger vorfuhr, war schnell klar, dass das Mädchen zu optimistisch war. Doch ein paar andere Fahrradfahrer packten sofort mit an und gemeinsam hoben wir das Tandem in den Bus hinein und oben in Nauders wieder heraus. Dann waren noch ein paar Höhenmeter bis zum Reschenpass zu überwinden.Reschensee mit KirchturmAm Reschensee gaben wir uns natürlich das übliche touristische Programm mit dem Kirchturm von Graun. Anschließend entdeckten wir einen ruhigen Platz am Reschensee, hier machten wir eine ausgiebige Pause.
Seeufer ReschenseeVon nun an gingapos;s bergab und zwar in einer Art, die mich ständig an die Ersatzbremsbeläge im Reparaturset denken ließ. Die Scheibenbremsen vom Tandem hielten zuverlässig dem Gefälle und der Beladung stand. In Glurns im Vinschgau trafen wir eine junge, radelnde Familie. Der Vater bot uns sogar an, ein Foto von uns zu machen, was wir dankend annahmen. Schließlich radelten wir ganz gemütlich über den Etschradweg nach Laas.

Biker mit Tandem am Stadtplatz in Glurns

3. Tag und 4. Tag - Weiter nach Andrian und San Michele all'Adige:
Mit dem Tandem von einer Ansichtskartenidylle zur Nächsten, dazwischen Apfelplantagen und Weingärten. Die nette, ältere Dame im Quartier in Andrian hat uns am Morgen ein Frühstück hingestellt, das locker für vier gereicht hätte. Meran und Bozen haben wir auf diesem Streckenabschnitt links liegen lassen, uns war mehr nach Kilometer herunterspulen. Orte wie Eppan, Kaltern und Tramin sind auch sehenswert. Kurz vor Meran konnten wir bei einer steilen, kurvenreichen Abfahrt noch einmal die Bremsen und die Wendigkeit unseres Tandems austesten, das sich als durchaus kurventauglich erwies.
Beeindruckend waren auch die Brücken, die extra für den Etschradweg angelegt wurden und wirklich tolle Bauwerke sind. Radbrücke über die Etsch

5. Tag - Von San Michele nach Torbole:
GardaseeVon San Michele ging es über Trento bis Rovereto bzw. Mori nahezu ununterbrochen auf dem Begleitdamm der Etsch dahin. Unsere Geschwindigkeit war super, dennoch war die Fahrt auf dem Damm etwas monoton. Große Freude daher, als wir Mori erreichten, von wo wir zum Gardasee hinüberwechseln wollten. Zuvor gab es aber noch eine ausgiebige Rast im Schatten eines großen Feigenbaumes. Dann gingapos;s hinüber zum schon von Goethe gepriesenen Gardasee und das war wirklich ein Aha-Erlebnis. Im Norden, also in Torbole, hat man noch das Gefühl, in den Alpen zu sein, obwohl man nur mehr 65m über dem Meeresspiegel ist.

6. Tag - In Torbole:
Diesen Tag haben wir in der Sonne bratend, Möwen und Surfern zuschauend, lesend und dösend verbracht. Dolce far niente (Das süße Nichtstun) pur. Am Abend gab es als Draufgabe noch ein ausschweifendes Feuerwerk. Torbole am Gardasee

7. Tag - Von Torbole nach Verona:
Windsurfer am GardaseeAm Ostufer vom Gardasee entlangzukurbeln war trotz des Autoverkehrs eine feine Sache. Leider begann sich mit diesem Tag das Wetter zu verändern, es wurde trüb, diesig und regnerisch. Unter diesen Umständen war das südliche Ende des Sees bei weitem nicht so beeindruckend wie der nördliche Teil. Von hier aus gingapos;s wieder bergauf, wir wollten ja wieder zur Etsch hinüber und nach Verona. Wieder im Etschtal angelangt, stießen wir auf einen Kanal, dessen Begleitstraße Teil des Etschradwegs ist. Hier entlang ging es gemütlich bis kurz vor Verona. Leider wurden wir von einer kleinen Panne unterbrochen, weil sich eine Schraube des Gepäckträgers gelöst und selbständig gemacht hatte. Wir lösten das Problem, indem wir eine Befestigungsschraube des dritten Flaschenhalters verwendeten. Vor Verona stießen wir auf eine radelnde Familie in Begleitung eines ortskundigen Veronesen, der uns auf Schleichwegen in die Stadt führte. Nachdem wir über die Touristeninformation überraschend schnell und unkompliziert ein Zimmer in zentraler Lage und zu einem vernünftigen Preis gefunden hatten (immerhin war Wochenende), gingen wir zuerst essen und dann auf Erkundungstour in die Stadt, wie wir es immer tun.

8. Tag - Von Verona nach Vicenza:
Das Wetter an diesem Montagvormittag sah nicht sehr einladend aus. Trotzdem brachen wir auf. Nach fünf Minuten gerieten wir jedoch in strömenden Regen und noch dazu am Beginn einer Baustelle mit ml;eitung. Genervt wollte ich über die Gehsteigkante hinauf, um dem Verkehr zu entkommen. Der Winkel war viel zu flach, die Gehsteigkante abgerundet, der Marmor vom strömenden Regen glitschig glatt und da lagen wir schon. Einerseits war ich erschrocken, weil ich fürchtete, Monika könnte sich schlimm verletzt haben, andererseits über meinen blöden Fahrfehler verärgert. Naja, ihr aufgeschürftes Knie würde bald wieder verheilt sein, peinlich warapos;s mir aber doch. Wir retteten uns in das Eingangsgebäude des Friedhofs von Verona und konnten nach einer halben Stunde weiterfahren. Der Tag war und blieb eine gemischte Angelegenheit. Mal fuhren wir auf angenehmen Nebenstraßen, dann wieder im Hauptverkehr. Auf einem anstrengenden Bergweg gerieten wir noch einmal in strömenden Regen, vor dem wir unter das Schutzdach eines Holzlagers in einen Wein- und Obstgarten flüchteten. Der Weg nach Vicenza zog sich auf dem Kamm einer Hügelkette in einem großen Bogen nur allmählich zu unserem Ziel hin. Auf der Abfahrt nach Vicenza kommt man an einer barocken Prachtanlage vom Kloster vorbei, von hier aus hat man einen fantastischen Blick auf die Stadt Vicenza. Hier sollte man auf jeden Fall stehen bleiben.
Blick über Vicenza

9. Tag - Von Vicenza nach Padua:
Die vorletzte Etappe führt entlang vom Fluss Bacchiglione, ein gewundenes, romantisches Flüsschen. Auf jeden Fall ist dieses relativ kurze Stück angenehm zu fahren, bis man wieder in die Stadt hineinfinden muss und das auf zum Teil gut ausgebauten Radwegen.Basilika San AntonioZum Glück gibt es gleich gegenüber der Basilika San Antonio ein brauchbares und bezahlbares Hotel, in dem schon Goethe übernachtet hat. Wennapos;s dem Herrn Dichter recht war, soll es auch uns recht sein! Bei den üblichen, spontanen Erkundungstouren erweist sich Padua als Glückstreffer und bisheriges Highlight unserer Tour. Ein architektonisches Meisterwerk nach dem anderen, üppige Markthallen auf großen Plätzen und verwinkelte Gassen.Pub in PaduaAm Abend gegen halb zehn holte uns leider das schlechte Wetter ein. Wir schlendern gerade über die Piazza dei Signori, die am Tag ein lebendiger Marktplatz war, jetzt aber mit vielen Tischen in Reih und Glied und prächtiger Eindeckung mit weißen Tischtüchern und allem Drum und Dran vollgestellt ist. Kellner flitzen unter den Arkaden und zwischen den gedeckten Tischen hin und her und versorgen gut 200 Gäste. Plötzlich spüren wir Tropfen. Noch nicht viele, aber man merkt, da kommt noch mehr. Schon beginnen die Kellner hastig, unbesetzte Tische abzuräumen und nach einigen Minuten flüchten schon die ersten Gäste. Monika und ich verziehen uns schnell unter die Arkaden, denn jetzt beginnt es kräftig zu regnen. Gerade als der Regen so richtig Gas gibt, stehen wir vor einem Bierlokal, aus dem Sixties-Musik tönt. An den Wänden hängen Aquarelle und ölbilder von Jim Morrison, Frank Zappa, Jimmy Hendrix und Co. Es gibt gutes Bier und brauchbaren Rotwein, da kann der Regen draußen noch ein wenig weiterrauschen. Da Padua so schön ist, schieben wir am nächsten Vormittag vorm Auschecken noch eine Foto-Shooting-Runde in der Stadt ein. Während wir gerade wieder um die Ecke zurück zum Hotel einbiegen, hantiere ich noch am Fotoapparat herum und höre Monika neben mir sagen: „Nein, das ist jetzt aber nicht wahr!” Ich schaue auf und vor mir stehen Sabine und Horst. Zwei liebe Menschen, die wir sonst nur ein-, zweimal im Jahr sehen, obwohl wir nicht so weit voneinander entfernt wohnen. Ein paar Fragen und Antworten, dann müssen wir alle weiter. Wir zum Auschecken, Sabine und Horst zu einem per Internet, seit Monaten reservierten Termin, um die berühmten Fresken von Giotto in der Kapelle Scrovegni anzusehen. Padua war in jeder Hinsicht ein Highlight.

10. Tag - Von Padua nach Venedig:
Letzte Etappe, dann haben wir sie erreicht: La Serenissima (Venedig). Der Weg dorthin ist nicht mehr weit, den Brenta-Kanal entlang, dann nach Mestre und von dort hinüber nach Venedig. Morgen wird das Tandem in Venedig abgeholt und im Austausch dazu bekommen wir unsere leeren Koffer wieder. Der Weg führt an etlichen alten Villen vorbei, die sich reiche Venezianer von berühmten Architekten wie Palladini bauen haben lassen. Wir treffen eine holländische Familie, die schon vor drei Wochen in Amsterdam aufgebrochen ist und auch Venedig als letztes Ziel hat. Parkbank Brenta-KanalWir fahren eine Weile mit ihnen, dann machen wir eine Pause, während sie weiterradeln. Der Weg ist einfach zu fahren, aber immer schwieriger zu finden, da die Markierungen sehr sporadisch angebracht sind. Mein Radführer ist keine Hilfe mehr, weil der beschriebene Weg nicht nach Mestre hinein- sondern wieder zurück nach Padua führt. Aber was sollapos;s, wenn alle Wege nach Rom führen, dann muss das auch für Venedig gelten. Mitten in Mestre treffen wir die Holländer wieder, die mit der GPS-Funktion ihrer Handys den richtigen Weg suchen. Wir glauben, ihn schon gefunden zu haben und radeln bzw. schieben über die Piazza Ferretto weiter. Und dann sind wir auf dem richtigen Weg, indem wir einer bestimmten Buslinie nachfahren und schließlich über ein paar Seitenstraßen auf der Ponte della Libertà (Brücke der Freiheit) landen, dem Damm, der nach Venedig hinüberführt. Wir überholen die Holländer, die ihre Räder auf dem schmalen und rumpeligen Begleitweg schieben. Das ist nichts für Tandemfahrer, wir ziehen mit PKWs und Autobussen mit, wechseln noch nach links hinüber, damit wir das Bike nachher nicht so weit schleppen müssen und dann sind wir angekommen: Venedig, Piazzale Roma.
Venedig - Piazza San Marco Naja, fast angekommen, eine Schiebe- und Schleppstrecke über drei, vier Brücken noch, dann sind wir, wo wir hinwollten, im Angeles Inn in der Calle Colombina. Die bestellte, eisgekühlte Flasche Champagner wartet schon.

11., 12., 13. und 14. Tag:
Ein Mitarbeiter vom Fahrradverleih holt das Tandem und bringt unser restliches Gepäck. Mit den verbleibenden Urlaubstagen machten wir uns eine sehr schöne Zeit in Venedig.

Sehenswürdigkeiten Venedig

Liebe Monika, danke für 648,5 km Geburtstag.